Januar 26, 2018

Die Familie von Norbert Winzen lebt seit Generationen in Keyenberg. Winzens Vater war Landwirt Seit seinem Tod wird jedoch keine Landwirtschaft mehr auf dem Hof der Familie Winzen betrieben.  

Letztes Jahr wurde Norbert und seiner elfköpfigen Familie mitgeteilt, dass sie aus ihrem Zuhause ausziehen müssen. Das gesamte Dorf soll der Erweiterung des Tagebaus Garzweiler weichen, damit auch der Hof von Norbert Winzen und seiner Großfamilie.

Früher war der Tagebau 30 Kilometer von Keyenberg entfernt. Mittlerweile ist er nah an den Ort herangerückt und frisst sich in den Rand von Keyenberg. Nur noch 800 Meter zwischen Winzens Bauernhof und dem Tagebau. Sollte er nicht gestoppt werden, dauert es nicht mehr lange, bis der Tagebau das ganze Dorf verschluckt. Keyenberg soll für die Braunkohle abgerissen werden und verschwinden, so wie bereits viele Dörfer in der Region.

Der historische Vierkanthof der Winzens steht unter Denkmalschutz. Für die Familie bedeutet das, dass sie nichts an ihren Wohnhäusern und den Ställen verändern dürfen. Anders sieht es für den Energieriesen RWE aus: der Kohlekonzern erhielt die Genehmigung das ganze Dorf abzubaggern, mitsamt dem denkmalgeschützten Bauernhof von Norbert Winzen.

RWE hat der Familie 1000 Quadratkilometer Land und Geld als Ersatz für die 8000 Quadratkilometer große Farm geboten. Das reicht jedoch bei weitem nicht für alle Tiere des Hofes.  

“Wenn wir Glück haben und einen Hof wie diesen finden, der nicht zu teuer ist, und wenn wir mental in der Lage sind, früher umzuziehen, werden wir das tun. Aber mein Gefühl sagt mir, ‘bleib so lang wie du kannst, woanders wird es keine vergleichbare Lebensqualität geben.’”

Wenn die Familie keine Einigung mit RWE erzielt, befürchtet Norbert Winzen, dass sie enteignet werden. Das lastet schwer auf ihm, wie auch auf vielen anderen Dorfbewohnern.

“Die Gespräche im Dorf kreisten in den letzten Jahren permanent um die Frage ‘was habt ihr vor?’ Wir müssen umziehen, das macht mich traurig. Ich kann damit nicht umgehen. Es gibt auch Leute die sagen ‘ich muss umziehen, ich bin 60 Jahre alt. Jetzt kann ich es noch. Wenn ich 70 bin, habe ich dafür vielleicht keine Kraft mehr.’”

Norbert schätzt, dass es noch vier bis fünf Jahre dauern wird, bis die Abbruchkante des Tagebaus seinen Hof erreicht. Doch die verheerenden Folgen des Braunkohleabbaus sind bereits jetzt überall sichtbar im Dorf.

“Wenn ich aus der Tür gehe, sehe ich RWE-Angestellte, die Pumpen aufbauen, Bäume fällen, Häuser vernageln. Keyenberg hatte mal 950 Einwohner. 50 bis 70 sind schon weggezogen. In zwei Jahren werden es nur noch 400 sein und in vier Jahren – vielleicht 20.”

“Meine Mutter lebt seit 73 Jahren in diesem Dorf. Sie sagt immer ‘Ich hoffe ich sterbe, bevor sie hier richtig anfangen.’”

Selbst die Kirche – oft das Herzstück kleiner Orte wie Keyenberg – wird den Kohlehunger des größten Braunkohleabbaugebietes Europas nicht überleben. Die Gier nach dreckiger Braunkohle hat Deutschland europaweit zu einem der Länder mit dem höchsten Schadstoffausstoß durch Kohlekraftwerke gemacht. Wie andere Gotteshäuser in der Region soll die Keyenberger Kirche entweiht und anschließend abgerissen werden. Kreuze und Glocken verschwinden und es wird ein letzter Segen gesprochen.

Norbert Winzen will in Keyenberg bleiben   und die Lebensqualität für die drei Generationen auf dem Hof so lange wie möglich erhalten. Aber er muss sich auch eingestehen, dass er und seine Familie ein mächtiges Unternehmen zum Gegner haben und die Chancen den Familienbesitz zu erhalten, gering sind.

Fotos von Felix von der Oosten

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